Herbstliche Farbexplosionen - LKZ vom 30.11.21

Konzertrezension LKZ vom 30.11.21

Das Strohgäu-Sinfonieorchester feiert sein 70-jähriges Bestehen nach

HEMMINGEN. Die Saalbeleuchrung scheint im Dreivierteltakt des „Maskerade-Walzer" mitzuwiegen. Schon versinkt das Halbrund der ebenerdig platzierten Streicher in der Hemminger Gemeinschaftshalle im nur noch von der Notenpultbeleuchtung perforierten Dunkel, dann senkt sich Finsternis auch über die Blechbläser und Schlagwerker auf der Bühne. ,,Licht!" signalisiert mit dringlichen Handzeichen das Posaunenregister - vergebens.

Diskret verabschiedet sich Claudius Burg aus dem Hornquartett und begibt sich auf die Suche nach dem Urheber der spontanen Beleuchtungschoreografie. Unterdessen dreht sich Aram Chatschaturjans 1941 komponierter, später als Standardzugabe im Repertoire vieler Sinfonieorchester, als Filmmusik und im Eiskunstlauf populär gewordener Konzertwalzer unentwegt weiter - womit sich auch erweist, wie gut die Mitglieder des Strohgäu-Sinfonieorchesters (SSO) ihre Partituren einstudiert und internalisiert haben. Den melodramatischen Tonfall treffen sie bei diesem letzten der drei Herbstkonzerte - nachdem am vorvergangenen Wochenende bereits die Schwieberdinger Festhalle sowie das Möglinger Bürgerhaus in den Genuss des Programms gekommen waren - jedenfalls bestens.

„Herzlich willkommen zu unserem Konzert! Wir freuen uns wahnsinnig,  wieder live vor Ihnen spielen zu können - mit allem, was dazugehört!", begrüßt Jasper Lecon die rund 70 auf Abstand platzierten, maskierten und wie die Musikerinnen und Musiker 2G-plus-Status-kontrollierten Besucher in der Mehrzweckhalle. Vor zweieinhalb Jahren hat der in Karlsruhe und Mannheim ausgebildete Dirigent den Taktstock von Se-Mi Hwang übernommen.

Die Holzbläser brillieren

Sein Antrittskonzert vor zwei Jahren unterstrich eindrucksvoll das Niveau seiner Arbeit mit dem "Liebhaber-Sinfonieorchester", wie es es auf der Homepage des 1950 gegründeten Ensembles heißt. Drei Konzertprogramme hat Lecon seitdem mit dem SSO erarbeitet, keines kam zur Aufführung. Nun konnte endlich das Jubiläum zum 70-jährigen Bestehen nachgefeien werden - mit einem „ bunten Strauß" vorwiegend kurzer und nahezu ausnahmslos durch Tänze inspirierter Werke von Rameau, Saint-Saens, Dvorak, Fauré, Elgar, Mascagni und de Falla. Inmitten dieser „Vielfalt an Ausdrucksweisen" (Lecon) Peter Warlocks kuriose "Capriol Suite": 1926 vom englischen Komponisten Philip Arnold Heseltine, so der bürgerliche Name des zeitweiligen Musikkritikers, auf Grundlage einer 1588 publizierten Abhandlung über Tänze geschrieben, weisen die sechs Sätze zunächst eine kammermusikalische Renaissance-Anmutung auf, die sich aber sukzessive in Richtung einer sinfonischeren Ästhetik verschiebt, bis hin zu den Dissonanzen im Schwerttanz „Mattachins". In drei der ,,Slawischen Tänze" von· Antonin Dvorak kostet Lecon die dynamischen Kontraste aus, als Stehorchester musiziert das SSO Ausschnitte aus "Les Indes Galantes" von Jean-Philippe Rameau. Im "Spanischen Tanz Nr. 1" aus Manuel de Fallas Oper „La Vida Breve" klappern die Kastagnetten, wundervoll lyrisch dann die duftige Romantik der "Pavane" von Gabriel Faure. Vor allem die Holzbläser und das Flötenregister sind eine Bank. Noch angesichts der dicken Schneeflocken vor der Tür hallt das Jubiläumskonzert des SSO nach wie die Farbexplosion eines herbstlichen Waldstücks.

Artikel in der Ludwigsburger Kreiszeitung vom 30. November 2021 von Harry Schmidt