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Ein höchst lebendiger Totentanz - Presserezension vom 7.5.2024 in der LKZ

Presserezension vom 7.5.2024 - Ein höchst lebendiger Totentanz

Ein höchst lebendiger Totentanz

Im „Rhythmus der Emotionen" kamen die Frühjahrskonzerte des Strohgäu-Sinofnieorchestersi n Schwieberdingen und Hemmingen daher. Diesmal konnte Dirigen Jasper Lecon sogar eine Solistin aus den eigenen Reihen präsentieren.

Traditionell zweimal gegeben wird das Programm der Frühjahrskonzerte des Strohgäu-Sinfonieorchesters (SSO). Nach großem Publikumszuspruch bei der Premiere in der Schwieberdinger Festhalle Herrenwiesen am Samstagabend präsentiert sich auch die Gemeinschaftshalle in Hemmingen tags darauf gut besucht. Das im vergangenen Jahr eingeführte Konzept, auf Eintritt zu verzichten und stattdessen auf Spendenfinanzierung zu setzen, scheint sich zu bewähren - und trägt wohl auch dazu bei, hier einen weitaus breiteren Bevölkerungsquerschnitt anzutreffen als bei vergleichbaren Veranstaltungen.

Stets ist Jasper Lecon, seit 2019 Dirigent des SSO, auf der Suche nach neuen Formen, Ansätzen·und Zugängen, wobei immer wieder andere Aspekte des Ensemblespiels im Vordergrund stehen. Hatte der trotz junger Jahre bereits mehrfach ausgezeichnete und seit diesem Jahr auch als Stipendiat im Forum Dirigieren vom Deutschen Musikrat geförderte Kapellmeister vor Jahresfrist eine spektakuläre, eigens für das SSO erstellte Fassung des Operettenklassikers "Die Fledermaus" auf die Bühne gebracht, mit der sogar eine Orchesterreise nach Island unternommen wurde, setzte Lecon im vergangenen Herbst das Format des Gesprächskonzerts auf den Spielplan.

Im "Rhythmus der Emotionen", so der recht blumige Titel des jüngsten Konzertprogramms, rückt Lecon nun den Tanz ins Zentrum des musikalischen Geschehens. Aus einem 1950 gegründeten Salonorchester hervorgegangen, blickt  das "Liebhaberorchester aus Schwierberdingen" (dieses Selbstverständnis entnimmt man der Homepage des ambitionierten Amateurorchesters) auf eine mehr als 70 Jahre lange Tradition zurück.

Unter Lecons Leitung ist dem SSO nochmals ein bemerkenswerter Schritt der Weiterentwicklung im Qualitätsniveau gelungen, als dessen offenkundigster Ausdruck sich das gewachsene Bewusstsein der ihm anvertrauten Musikerinnen und Musiker für Nuancierung und Differenzierung im Ensembleklang deutlich bemerkbar macht. Auch die Coronapandemie konnte dem SSO wenig anhaben, vielmehr wurden neue Mitglieder gewonnen.

Dass nicht nur so gut wie alle Stimmgruppen im SSO seitdem mit "Bordmitteln" besetzt werden können, sondern Lecon jetzt sogar eine Solistin aus eigenen Reihen präsentieren kann, ist trotzdem eine handfeste Überraschung. Mit expressivem Melos gestaltet die Ukrainerin Oleksandra Novikova, im SSO seit 2022 üblicherweise im Register der 2. Violinen zu finden, ihren Solopart in Camille Saint-Saens "Danse macabre" auf dem zu einer verminderten Quinte „verstimmten" Instrument, während Lecon den unerbittlichen Puls des Walzertakts herausarbeitet und das Xylofon das Klappern tanzender Skelette illustriert.

Umrahmt wurde der lebendig makabre Totentanz von drei Sätzen aus Ararn Chatchaturians Ballett-Suite "Spartacus", erblühende Streicher-Tutti und herrliche Holzbläserfarben im bekannten "Adagio of Spartacus and Phrygia", Ravel-Anklänge im "Tanz der gadinitischen Mädchen". Formbewusst, präzise, zupackend gestaltet dann Beethovens 7. Sinfonie nach der Pause, besonders eindringlich das Allegretto. Astor Piazzollas "Libertango" als Zugabe - Begeisterung im Saal und auf den Gesichtern des Orchesters.

Artikel LKZ vom 7.5.20224 von Harry Schmidt

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