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Aus dem Farbkasten der amerikanischen Musik

Presseartikel LKZ vom 20.11.2023
 
Mit einem moderierten Gesprächskonzert gehen Jasper Lecon und das Strohgäu-Sinfonieorchester neue Wege und laden mit Dvorák und Bernstein zur „Entdeckung der ‚Neuen Welt‘“ ein. Der Auftakt der Herbstkonzerte in Schwieberdingen und Möglingen wurde mit geschärften Ohren verfolgt.

Schwieberdingen. Eine Einladung zur „Entdeckung der ‚Neuen Welt‘“ spricht das Strohgäu-Sinfonieorchester (SSO) mit seinen diesjährigen Herbstkonzerten aus. Erstmals ist der Eintritt zu den traditionell im November stattfindenden Veranstaltungen frei, doch ein signifikanter Publikumszuwachs lässt sich bei der Premiere des anderntags in Möglingen präsentierten Programms hier in Schwieberdingen nicht feststellen. Am kommenden Wochenende steht noch der Auftritt in Hemmingen an. Die Schwieberdinger Turn- und Festhalle ist mehr Ersteres als Letzteres, was die atmosphärischen Qualitäten angeht, mit seinen 55 Musikerinnen und Musikern passt das SSO nicht mehr komplett auf die Bühne, weshalb der Streicherapparat nun ebenerdig mit den Besuchern auf dem von Markierungen überzogenen Sporthallenboden platziert ist.

Immer wieder geht Jasper Lecon mit dem Orchester neue Wege, um die verschiedenen Aspekte des Ensemblespiels aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Stets geht es dem jungen Dirigenten darum, das Bewusstsein für ein gemeinsames Musizieren zu schärfen. Bestand bei den Frühjahrskonzerten – eine eigens für das SSO erstellte Fassung des Johann-Strauss-Operettenklassikers „Die Fledermaus“, mit der sie sogar eine Orchesterreise nach Island unternommen haben – die Herausforderung in der Flexibilität, die für eine Begleitung von Singstimmen unabdingbar ist, hat Lecon nun das Format des Gesprächskonzerts auf den Spielplan gesetzt.

Wurzeln und Einflüsse

Anhand von Antonín Dvoráks 9. Sinfonie „Aus der neuen Welt“ ging Lecon in der ersten Hälfte des Konzerts der Frage nach Wurzeln und Einflüssen der US-amerikanischen Orchestermusik nach, die in dem von der Musikmäzenin Jeannette Thurber finanzierten, dreijährigen Amerika-Aufenthalt des tschechischen Komponisten eine ihrer frühsten und originären Quellen besitzt. Um diese Entwicklungslinie zu illustrieren und unterstreichen, hatte Lecon zunächst eine Orchestersuite nach der „West Side Story“ von Leonard Bernstein vorangestellt, der für sein Musical „tief in den Farbkasten der amerikanischen Musik“ gegriffen habe: „Jazz, Blues, Klassik – da ist alles drin.“

Volltönend, wenn auch von einigen Intonationstrübungen begleitet, der Auftakt zum Pizzicati-geschmückten Prolog, ein Orgelpunkt der Flöten und Oboe leitet über zu „Maria“, Lecon animiert seine Geigen mit Luftviolinspiel. Toll dann die Geschlossenheit der Generalpause vor „Tonight“, in dem Posaunen und Hörner die Führungsstimme übernehmen, während Streicherschmelz die linde Abendluftstimmung spürbar macht. Spannungsgeladen im „Cool“, ein wenig überzogen dann das Fortissimo des triumphal ausgekosteten „America“-Finales.

Spannung erzeugenden Synkopen

Im moderierten Gesprächskonzert spürt Lecon dann der Themen- und Motiventwicklung der 1893 in der New Yorker Carnegie Hall uraufgeführten e-Moll-Sinfonie nach. Das fällt überwiegend ausgesprochen instruktiv aus, etwa, wenn er mit dem Orchester aufzeigt, wie in der Einleitung des Kopfsatzes die orchestralen Farben wechseln, die Spannung erzeugenden Synkopen des majestätischen Hornthemas von Spirituals inspiriert sind, das dritte Thema dann mehr oder weniger direkt „Swing Low, Sweet Chariot“ zitiert.

Dass nicht nur die Ohren der Zuhörer, sondern auch die der SSO-Musikerinnen und Musiker durch diese plastische Beschäftigung mit dem Notentext geschärft waren, erwies sich nach der Pause. Hochkonzentriert die Wiedergabe der Dvorák-Sinfonie, Lecons Körperspannung überträgt sich hinreichend auf das vor Spielfreude vibrierende Amateurorchester, dem eine überaus bemerkenswerte Aufführung des nicht nur in seinen dynamischen und satztechnischen Finessen, sondern auch in rhythmischer Hinsicht überaus anspruchsvollen Werks gelingt.

Info:

Der letzte Termin der SSO-Herbstkonzerte ist am kommenden Sonntag, 26. November, um 17 Uhr in der Gemeinschaftshalle Hemmingen. Näheres unter www.strohgaeu-sinfonieorchester.de.

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