Konzertkritik der LKZ vom 28./29. Mai 2022

Konzertkritik der LKZ vom 28./29. Mai 2022

Ein Liebhaber-Sinfonieorchester zeigt sich in Hochform

Mit Werken von Elgar, Hoffmeister und Stanford überzeugt das Strohgäu-Sinfonieorchester bei seinen Frühjahrskonzerten - Bratschist Janis Lielbardis als Glücksfall

Die Freude, wieder gemeinsam auf offener Bühne musizieren zu können, sie war mit Händen zu greifen beim Frühjahrskonzert des Strohgäu Sinfonieorchesters (SSO) in der Hemminger Gemeinschaftshalle. Bereits Edward Elgars überaus populärer Orchestermarsch ,,Pomp and Circumstance Nr. l" gelingt vortrefflich: Gestochen scharf konturierte Tutti im Marsch, feierlicher Instrumentalgesang im Trio, Hörner und Harfe kommen klangschön und wohltemperiert zur Geltung, episch ausgesungen die Stretta. Mit ebenmäßig kreisrunden Figuren gibt Jasper Lecon hier Tempo und Gestaltung vor. Dass das SSO von der Zusammenarbeit mit dem jungen Dirigenten hörbar profitiert, ließ sich bereits bei den wenigen Konzerten feststellen, die seit Beginn seiner Stabsübernahme möglich waren. Während andere vergleichbare Orchester - das 1950 gegründete SSO besteht aus ambitionierten Amateurmusikerinnen und -musikern - durch die Pandemie eher dezimiert wurden, konnte sich das „Liebhaber-Sinfonieorchester", so die Selbstbeschreibung auf der Homepage, dagegen personell verstärken: ,,Mittlerweile können wir fast alle Positionen aus dem eigenen Ensemble besetzen", freut sich Lecon im Gespräch mit unserer Zeitung.

Doch nicht nur quantitativ, auch qualitativ ist der Klangkörper weiter gewachsen, wie sich mit diesem tags zuvor in Schwieberdingen gegebenen Konzert zeigt. Selbst wenn das eine oder andere Forte doch mal in Richtung Fortissimo überrissen wird, wirkt der Ensembleklang nunmehr ausgesprochen kultiviert und prägnant. Mit frischem Schwung und viel Elan spornt Lecon seine Musiker an, zugewandt und präzise zugleich.

Als Glücksfall erweist sich der Bratschist Janis Lielbardis im Viola-Konzert des in Rottenburg geborenen Mozart- und Beethoven-Verlegers Franz Anton Hoffmeister. Mit schlankem, aber sinnlichen Ton gestaltete der Lette, der seit 2002 in den Reihen des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart, nun des SWR Symphonieorchesters zu finden ist, das Allegro mit seiner technisch herausfordernden Doppelgriffstelle. Tadellos folgt ihm der Streicherapparat im Auftakt zum Adagio - auch die Zusammenarbeit mit der neuen Konzertmeisterin Adelheid Abt zählt zu den positiven Entwicklungen beim SSO. Die Kadenz improvisiert Lielbardis spontan: Den gesanglich-melancholischen, schon auf die Romantik vorausdeutenden Charakter nimmt er auf und stimmt vokal das lettische Volkslied „ Tumsa nakte, zala zale" (,,Dunkle Nacht, grünes Gras") an. Exzellent dann der heikle Einsatz des Orchesters. Heiter und virtuos das muntere Rondo, ein Walzer tänzerischer Legato-Ketten. Für den enthusiastischen Beifall des Publikums bedankte Lielbardis sich mit einem langsamen Satz aus Max Regers Suiten für Viola solo.

Fünfmal war der sympathische Musiker zuvor für die Proben angereist. Ganz uneitel reiht er sich darin nach der Pause auch ins Register der Bratschen ein. Erstaunlich transparent wirkt die Wiedergabe der vierten Sinfonie des irischen Komponisten Charles Villiers Stanford (1852-1924). Auch hier wieder eine Lust, Lecon zuzusehen - der Körper ganz Musik, die geradezu in ihm selbst zu spielen scheint. Jeden der vier eine Entwicklung aufzeigenden und einem Motto unterstellten Sätze bringt Lecon mit dem SSO bravourös auf den Punkt. Standing Ovations in der Hemminger Gemeinschaftshalle.

Ludwigsburger Kreiszeitung, Artikel vom 28./29. Mai 2022, von Harry Schmidt