Ein gelungene Reise in die Romantik

Dunkel grundierter Sopran: Steinunn Sigurdardottir. Foto: Holm Wolschendorf

Jasper Lecon stellt sich beim Herbstkonzert als neuer Dirigent des Strohgäu-Sinfonieorchesters vor

Das komplette Spektrum der romantischen Musik beleuchtete das Strohgäu-Sinfonieorchester (SSO) bei seinem diesjährigen Herbstkonzert. Von Franz Schubert führte der stringente Programmbogen zu Richard Wagner und Johannes Brahms, den beiden Antipoden im Musikzeitalter des 19. Jahrhunderts. Bereits in Schuberts 1820 uraufgeführter Ouvertüre zum Melodram „Die Zauberharfe", drei Jahre später für das Schauspiel „Rosamunde" wiederverwendet, beeindruckte das in 45-köpfige SSO beim Auftritt in der nahezu vollbesetzten Hemminger Gemeinschaftshalle – nachdem am vorvergangenen Wochenende schon die Schwieberdinger Festhalle sowie das Möglinger Bürgerhaus in den Genuss des SSO-Herbstkonzerts gekommen waren – durch außerordentlich nuancierten Ensembleklang und differenzierte Gestaltung. Zu seiner Arbeit kann man den jungen Dirigenten Jasper Lecon, der im Mai dieses Jahres den Taktstock von Se-Mi Hwang übernahm, nur beglückwünschen: Der Qualitätssprung, den er in nur wenigen Monaten mit dem „Liebhaber-Sinfonieorchester", wie sich das vor fast 70 Jahren gegründete Amateurensemble selbst bezeichnet, erreicht hat, ist schon jetzt unüberhörbar.

In Wagners „Wesendonck-Liedern“ trat die in Island geborene und wie Lecon in Karlsruhe ausgebildete Sopranistin Steinunn Sigurdardottir als profunde Solistin auf. Während sie anfänglich in den Spitzentönen die Anstrengung nicht gänzlich verbergen konnte, fand Sigurdardottir im Verlauf der fünf zwischen 1857 und 1858 als Vertonung einiger Gedichte von Mathilde Wesendonck entstandenen Lieder immer besser in ihre Partie. Dass der Seidenhändler Otto Wesendonck Wagner als Mäzen unterstützte, stand einer echten Beziehung zwischen dem Komponisten und der Kaufmannsgattin ebenso im Weg wie Wagners erste Frau Minna. Entsprechend gibt der im Umfeld von „Tristan und Isolde“ komponierte Liedzyklus der unerfüllten Liebe zu seiner verhinderten Muse Ausdruck. Mit ihrem dunkel grundierten Sopran gelang Sigurdardottir, insbesondere bei „Im Treibhaus", wo die Streicher wie ein im Pianissimo wispernder Chor zusammenwirkten, eine bemerkenswert eindringliche Gestaltung der dramatischen Texte.

Nachdem eine Fanfare des Posaunenregisters das Pausenende signalisierte, formierte sich das SSO für die zweite Sinfonie von Brahms. Sein 1877 im Vergleich zur ersten Sinfonie, die den deutschen Komponisten vier Jahre beschäftigte, in relativ kurzer Zeit geschriebenes Opus 73 gilt vielen als Brahms’ populärstes sinfonisches Werk. Auch wenn hin und wieder mal die Kontur eines Fortes zu verschwimmen drohte, nicht jedes Timing der Einsätze perfekt wirkte, traf Lecon mit dem SSO den vorwiegend heiter-pastoralen Charakter der D- Dur-Sinfonie doch vorzüglich.
Seine präzise, gleichzeitig lebendige, fließend elegante Körpersprache übertrug sich spürbar auf die Musiker – sein Dirigat hinterließ einen genauso souveränen Eindruck wie seine kurzen, konzisen Ansprachen. Nur die Notenpultbeleuchtung glimmte auf der verdunkelten Bühne bei der Zugabe: Für Brahms’ bekanntes, dem Seitenthema der soeben gehörten Sinfonie verwandtes Wiegenlied stieß Sigurdardottir nochmals hinzu. Mit kräftigem Beifall und einigen Bravos bedankte sich das Hemminger Publikum für die gelungene „Reise in die Romantik".

Redakteur: Harry Schmidt, Artikel der Ludwigsburger Kreiszeitung vom 26. November 2019

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Dunkel grundierter Sopran: Steinunn Sigurdardottir. Foto: Holm Wolschendorf