Konzertkritik vom 9.5.18

Geläufigkeit ohne Pauschalklang

Strohgäu-Sinfonieorchester überzeugt mit Schumann, Chatschaturjan und Strauss

HEMMINGEN. Ganz anders als geplant begann das Frühjahrskonzert des Strohgäu-Sinfonieorchesters (SSO) in der Hemminger Gemeinschaftshalle: Zu Ehren des am 1. Mai bei einem tragischen Unglück ums Leben gekommenen Orchestermitglieds Günther Hoppe erklang zunächst die Choralstrophe "Gloria sei dir gesungen" aus J.S. Bachs Choralkantate "Wachet auf, ruft uns die Stimme", einem persönlichen Favoriten des verstorbenen Hemmingers der viele Jahre als Hornist in den Reihen des SSO zu finden war.

Hier wie auch in der folgenden dritten Sinfonie von Robert Schumann beeindruckten die Ernsthaftigkeit und die Disziplin der 46 Amateurmusikerinnen und -musiker. Mit welcher Geschlossenheit des Ensembleklangs sie die langen Spannungsbögen der Es-Dur-Sinfonie realisierten, war höchst bemerkenswert. Die gelungene Wiedergabe der unter dem Titel "Die Rheinische" bekannten Sinfonie darf auch als Beleg dafür gelten, dass das "Liebhaber-Sinfonieorchester", wie sich das seit fast 70 Jahren bestehende Amateurensemble selbst beschreibt, unter dem Dirigat von Se-Mi Hwang, die das SSO seit zwei Jahren leitet, einen Qualitätsschub nach vorne erlebt und sein Niveau nochmals gesteigert hat.

Denn Denn der Charakter der 1850 in Düsseldorf entstandenen Sinfonie ist gar nicht so leicht zu treffen in ihrer Ambivalenz: Einerseits erlebt man Schumann hier in hohem Maße um Zugänglichkeit bemüht, andererseits finden sich wesentliche Strukturgesetze der Sinfonie darin unterlaufen: "Die Rheinische" verfügt über fünf statt der üblichen vier Sätze, die in den Ecksätzen erkennbare Sonatenhauptsatzform wird frei interpretiert. Hellwach, hochkonzentriert und mit eindrucksvoll langem Atem - nicht zuletzt die Blechblasregister sind hier immer wieder gefordert - gestalteten Hwang und das SSO das anspruchsvolle Werk, vom schwungvollen Auftakt, der als Erkennungsmelodie im WDR so populär wurde, dass manchmal auch von der inoffiziellen Hymne
des Rheinlands" die Rede ist, bis zur zupackend musizierten Stretta im Finale. Mögen auch die Worte, die die Südkoreanerin gerne
der Musik vorausschickt, nicht für alle Ohren gleichermaßen gut verständlich sein, in ihrer gestischen Ansprache an ihre Musikerinnen und Musiker ist die ausgebildete Percussionistin kristallklar, metrisch präzise und bestimmt.

Ganz in ihrem Element erlebte man Hwang und die Strohgäu-Sinfoniker nach der Pause in Aram Chatschaturjans ebenfalls fünfsätziger "Maskerade Suite". Die sinfonische Fassung einer Bühnenmusik von 1941 lebt vom ausgeprägten Sinn des russischen Komponisten für rhythmische Prägnanz und schillernde Klangfarben. Insbesondere der "Walzer" ist unter anderem als Filmmusik von "Krieg und Frieden" im kollektiven Hörgedächtnis gut verankert. Dass die Musikerinnen und Musiker des SSO angesichts dieser Geläufigkeit an keiner Stelle in Pauschalklang abrutschten, muss als Ergebnis intensiver Probenarbeit gelten und verdient allergrößten Respekt. Wundervoller Schmelz des Streicherapparats, angeführt von Konzertmeisterin Angelika Wollasch, in der "Nocture", sanftes Biending der Holzbläser. Stimmungsvoll die "Romanze". Trotz des schönen Wetters war der Hemminger Auftritt wie auch der tags zuvor in Schwieberdingen gut besucht. Nach dieser rundum gelungenen Vorstellung musste Hwang die knapp 200 Besucher nicht lange bitten, bei der zugegebenen "Tick-Tack Polka" zum Schluss noch selbst einzusteigen.

Von Harry Schmidt, Ludwigsburger Kreiszeitung vom 9. Mai 2018