Konzertkritik der LKZ vom 21.11.17

Leidenschaft und Knalleffekte

Strohgäu-Sinfonieorchester überzeugt mit dem Herbstkonzert im Möglinger Bürgerhaus.

MÖGLINGEN. Angenehm gefüllt präsentierte sich das Bürgerhaus in Möglingen am frühen Sonntagabend beim zweiten der drei Herbstkonzerte des Strohgäu-Sinfonieorchester (SSO). Bereits am Samstag war Premiere in der Schwieberdinger Festhalle Herrenwiesen, am kommenden Sonntag folgt noch die Vorstellung in der Hemminger Gemeinschaftshalle. Rund 200 Besucher kamen in den Genuss eines Programms, das dem Begriff der Heimat in der klassischen Musik nachspürte. Mit der achten Sinfonie von Antonin Dvorak brachten Se-Mi Hwang, die das Orchester seit knapp zwei Jahren leitet, und das SSO ein Werk auf die Bühne, in dem der tschechische Komponist explizit auf die böhmische Landschaft Bezug genommen hat. Lustvoll kostete Hwang die farbigen Kontraste dieser Musik aus - bereits mit den ersten Takten ihres Allegro con brio spürte man, dass man sich diesem Liebhaber- Orchester anvertrauen kann.

Ausgelotete lyrische Schönheit

Fabelhaft, wie Hwang in Sachen dynamischer Abstufung alles anbot außer lauwarmem Mezzoforte, zu welch kultiviertem Ensembleklang die Musiker unter ihren Händen gefunden haben. Höchst kantabel und auf den Punkt musiziert auch das von Tschaikowsky beeinflusste Adagio, der vogelstimmenartige Flöten-Dialog war köstlich realisiert - sowohl im frühen Stadium der Proben als auch zur Rekapitulation lasse Hwang sie häufig die Stimmen ihrer Partitur vorsingen, erzählte Marion Moll, die 1. Vorsitzende und Bratscherin des SSO. So sanglich und gefühlsbetont Dvoraks 1889 anlässlich seiner "Aufnahme in die Böhmische Kaiser-Franz-Joseph-Akademie für Wissenschaft, Literatur und Kunst" entstandene Sinfonie auf ihre lyrische Schönheit ausgelotet war, so präzise war die Darbietung in rhythmischer Durchdringung.

Begonnen hatte der Abend ebenfalls tschechisch: Die sieben Sätze von Bedrich Smetanas Programmmusik "Die Moldau" folgen dem landschaftlichen Verlauf der Moldau vom Quellgebiet bis zur Mündung in die Elbe. Gelungen realisierte das SSO den heiklen Auftakt der beiden Quellen der Moldau, repräsentiert durch zwei Querflöten zum Pizzicato der ersten und zweiten Violinen, mit leidenschaftlicher Inbrunst das bekannte, Ehrfurcht gebietende Moldau-Thema, klar die Hornstellen in der Waldjagd. Munter gestaltet der tänzerische Impuls der Bauernhochzeit, sensibel geführt das Decrescendo des Pulsierens der tiefen Streicher. Zum Schluss, der die Moldau in ihrer ganzen Breite symbolisiert, lässt Hwang nicht nur enorm auf die Pauke hauen, sondern auch mit der großen Trommel Akzente setzen - ein geradezu explosiv inszeniertes Finale mit kolossalen Knalleffekten.

Zwischen dieser tschechischen Klammer befand sich ein temperamentvoller, lateinamerikanischer Kern: In Arturo Marquez "Danzón Nr. 2" kam bei Hwang die ausgebildete Schlagzeugerin, die auch in Mannheim Marimba und Percussion unterrichtet, vollends zum Vorschein: Mit Verve und Leidenschaft von der Piccoloflöte bis zur Tuba waren hier alle mit Feuer und Flamme dabei, stets und auch hier eine Stütze der an einigen Stellen deutlich verjüngte Streicherapparat, angeführt von Konzertmeisterin Angelika Wollasch. Mit Leroy Andersans "Belle Of The Ball" und einer Reprise aus dem "Danzón" als Zugaben verabschiedeten sich das SSO und Hwang mit zwei Verbeugungen.

Von Harry Schmidt, Ludwigsburger Kreiszeitung, Artikel vom 21. November 2017