Konzertkritik Frühjahrskonzerte 2015

Konzertkritik der LKZ vom 11. Mai 2015Amateur-Sinfonieorchester in großer Form

Frühlingsfrischer Melodienenstrauß: ein Querschnitt durch Melodien aus Oper und Operette des 19. Jahrhunderts zum Muttertag

Ein Amateur-Sinfonieorchester ist alles andere als alltäglich. In und um Schwieberdingcn dagegen gibt es das seit mehr als 60 Jahren. Hier treffen sich Instrumentalisten aus allen Berufsständen und Altersgruppen nach Feierabend, um ihrer Passion für die klassische Musik nachzugehen.

Jedes Jahr präsentieren sich die Musiker mit zwei Programmen der Öffentlichkeit. Für ihr diesjähriges Frühjahrskonzert haben sie den Muttertag zum Anlass genommen, einen Querschnitt durch bekannte Melodien aus Oper und Operette des 19. Jahrhunderts zusammenzustellen, die Frauen thematisieren oder gewidmet sind. Weil eine Regel erst durch die Ausnahme sichtbar wird, haben sie mit Augenzwinkern die Ouvertüre zu Il Signor Bruschino von Gioacchino Rossini ans Ende ihres Auftritts gestellt.

Zum Auftakt ein anderes Werk des italienischen Belcanto-Komponisten: Die Ouvertüre aus der Oper La Cenerentola, einer der größten Hits von Rossini nach heutigen Maßstäben, die zwar bei ihrer Uraufführung 1817 durchgefallen ist, sich aber im Nachhinein zu einem Welterfolg entwickelt hat. Mit präszisen Bewegungen führt der neue Dirigent Aki Schmitt die Strohgäusinfoniker durch die herausfordernde Partitur, deren rhythmisch beschwingten Charakter sie sehr gut treffen. Im Anschluss bringen sie ein Kleinod zu Gehör, das Gabriel Fauré für seine Tochter komponiert hat: Die Dolly-Suite op. 56 besteht aus sechs kurzen Sätzen, die ursprünglich getrennt voneinander zu Anlässen wie Geburtstagen und Neujahr in einer Fassung für vierhändiges Klavier zunächst nur für den Privatgebrauch entstanden sind und 1906 von Henri Rabaud für Orchester bearbeitet wurden. Im Klangfarbreichtum des Werks finden die 48 Musiker des Strohgäu-Sinfonieorchesters zu großer Form: Liebevolle Sanftmut im ersten Satz des wiegenliedartigen "Berceuse", ein wenig dominieren die Streicher über die Bläser, mancher Übergang zwischen den Gruppen erscheint etwas holprig, einzelnde Intonationstrübungen des Blechs stören zuweilen das Klangbild. Frühlingsfrisch und munter der zweite Satz mit seinen springenden Themen. Getragen, lyrisch, letztlich pastoral dagegen der dritte Satz "Le jardin de Dolly", die zerbrechlichen Momente empfindsam gestaltet. Dem nach dem Hund des Hauses benannten vierte Satz "Kitty" fehlt ein wenig Schwung in den Staccato- Passagen. Delikat der Einstieg der Bratschen und Celli zum fünften Satz "Tendresse" mit exzellent ausgehörter Chromatik, heikel der solistische Dialog von Horn und Holzbläsern. Spannungsreich und tempofest musizieren sie den letzten Satz "Les pas espagnol" – jetzt sind sie in ihrem Element.

Schmetterndes Blech und feine Pizzicati der Streicher im "Tanz der Komödianten" aus Smetanas komischer Oper "Die verkaufte Braut". Ganz sanft und doch bestimmt führt Schmitt das Orchester durch die Ouvertüre zu "Die schöne Helena" von Jacques Offenbach. Wieder wirken die Streicher beweglicher als die Bläser, aber die Korrespondenz der Querflöten-, Oboen- und Klarinettenstimmen begeistert, auch das dynamische Verhalten überzeugt.

Die Annenpolka op. 117 von Johann Strauß Sohn kommt etwas schwer in Gang, aber die Süffigkeit der Partitur zwischen Volkslied, Militärparade und sonntäglicher Salonseeligkeit steht ihnen gut. Besser noch: Mit fließend runden Gesten ordnet Schmitt glänzendes Blech und Streicherschmelz im Schatzwalzer op. 418, den Strauß als Vorab-Auskopplung seiner Operette "Der Zigeunerbaron" entnommen hatte, eine seinerzeit gängige, vor allem von Offenbach geübte Praxis, um Popularität zu gewinnen und nebenbei auch den Notenabsatz anzukurbeln. Schmitt holt aus zum Einsatz ins Finale - doch halt: Die Blechbläser aus der letzten Reihe haben jetzt Durst und öffnen synchron ein Bier. Im Verlauf der temperamentvollen, gewitzten Komposition finden die Flaschen als Percussion Verwendung, antworten auf die von Rossini von den Geigen geforderten Schlägen mit dem Bogen auf den Notenständer. Über den Flaschenhals geblasen der Schlussakkord. Mit gleitenden Tönen in zügigem Tempo Bizets "Farandole" als Zugabe. Wohlwollender Applaus der rund 100 Besucher.

Harry Schmidt, Ludwigsburger Kreiszeitung, Konzertkritik vom 11. Mai 2015; Foto: Holm Woschendorf