Konzertkritik Hemmingen Aktuell vom 30.11.12

Letztes Konzert mit Frédéric Tschumi in Hemmingen am 25. November 2012

Mit Herbstkonzert verabschiedet sich der Dirigent vom Strohgäu-Sinfonieorchester

Die Reihe seiner diesjährigen Herbstkonzerte beschloss das Strohgäu-Sinfonieorchester am Sonntagabend in der voll besetzten Gemeinschaftshalle in Hemmingen.Mit diesem Konzert verabschiedete sich der seit vier Jahren das Orchester leitende Dirigent Frédéric Tschumi von den betrübten Musikerinnen und Musikern, die "ihren" Frédéric nur ungern davonziehen lassen. Er hat sich jedoch zur Fortführung seiner Dirigentenlaufbahn für die Übernahme anderer künstlerischer Aufgaben in Sachsen entschieden.

Facettenreich und hoch anspruchsvoll war das Programm zusammengestellt, das das SSO unter Tschumis Leitung einstudiert hatte. Mitreißend schwungvoll und forsch im Tempo leitete Frédéric Tschumi das Konzert mit dem Marsch Nummer eins aus der zweiten Suite für Jazz-Orchester von Dmitri Schostakowitsch ein. Ein in der Tat überaus frisches, sprühendes und burleskes Musizieren entfaltete die ambitionierten Orchestermitglieder dabei, und das machte bereits sehr neugierig auf den Höhepunkt des Abends, auf die Aufführung der neunten Sinfonie "Aus der neuen Welt" von Antonín Dvorak.

Doch zuvor trat noch mit Dora Varga eine junge, herausragende Solistin an der Querflöte vor die Konzertbesucher. Sie spielte, klangvoll und in flirrender Leichtigkeit vom SSO begleitet, zunächst ein Concertino für Flöte und Orchester der französischen Komponistin Cécile Chaminade, die von 1857 bis 1944 lebte und eine große Zahl von Werken für Fläte hinterließ. Die mit heiter bewegten Klanggirlanden reich ausgestattete Komposition gab der 24-jährigen in Ungarn geborenen Flötistin Dora Varga vielfältige Möglichkeiten ihre glanzvolle Virtuosität auszubreiten. Dazu hatte sie erst recht in der "Fantaisie brillante" für Flöte und Orchester von François Borne (1840 - 1920) weitere herausfordernde Gelegenheiten. Dieses einzige von dem französischen Tonschöpfer heute noch bekannte Werk, in welchem besonders beleibte Meldodien aus der Oper "Carmen" von Georges Bizet variantenreich erklingen, ist ein wahres Bravourstück. Dora Varga führte ihren komplizierten Solopart in kristallklarer Intonation und in furiosem, geradezu atemberaubendem Tempo aus. Die junge Künstlerin wurde mit freudigem, lang anhaltendem Beifall förmlich überschüttet.

Es ist höchst erstaunlich, dass sich ein Liebhaberorchester an ein so populäres, sehr oft gespieltes Werk heranwagt, wie es nun mal die neunte Sinfonie von Dvorak ist. Doch kann das Resümee gleich vorangesellt werden: mit dieser Wiedergabe untermauerte der scheidende Orchesterleiter Frédéric Tschumi eindrucksvoll seine hoch zu schätzende Fähigkeit, einen Klangkörper, der überwiegend mit Laienmusikern besetzt ist, zu nahezu professioneller Gestaltung auch großer sinfonischer Kompositionen zu führen. Tschumi gab zunächst eine kurze Einführung in die vier Sätze der Sinfonie, die 1893 in New York, unter Dvoraks Leitung, uraufgeführt wurde. Die Aufführung zeichnete sich vom ersten Takt an mit dem vom Dirigenten gewählten markanten Klangvolumen aus.

Die Themen im ersten Satz, die gleichermaßen von Elementen der Indianermusik, wie auch solchen aus der böhmischen Heimat des Komponisten geprägt sind, ließ Frédéric Tschumi sehr transparent hervortreten. Ruhevoll als wunderschöne Elegie erklang das Largo, dessen weittragende Melodie vom Englischhorn zauberisch verklärt ausgeführt wurde.

In drängenden Tempi, die noch dynamisch gesteigert wurden, ließ Tschumi das Scherzo in seiner tänzerischen Bewegtheit ausführen. Erhaben und in kräftigem Fortissimo musizierte das SSO den abschließenden Allegro-Satz mit seinem hymnisch klingenden, triumphal anmutenden Hauptthema, den der Orchesterleiter dennoch verhalten und leise ausklingen ließ.

In dieser eindrucksvollen Aufführung bewiesen vor allem die Blech- und Holzbläser ihre hohe spieltechnische Qualität, die sie auf einem voluminösen Klangteppich der Streicher ausbreiten konnten. Für den lauten, stürmischen Applaus bedankte sich das SSO mit dem mittlerweile zum Ohrwurm avancierten Walzer aus der Jazz-Suite von Schostakowitsch.

Bevor es jedoch zur Aufführung der beiden Zugaben kam, wurde noch zum Abschied von Frédéric Tschumi ein kurzes Video einer Konzertreise in der Türkei aufgeführt. Die Orchestermitglieder waren dabei auf den Balkonen ihres mehrstöckigen Hotels postiert.

Um diese dennoch dirigieren zu können, blieb Frédéric Tschumi nichts anderes übrig, als in den inmitten der Hausanlage befindlichen Pool zu steigen, um von dort bis zur Brust im Wasser stehend die feurige Ouvertüre zur Oper "Carmen" von Georges Bizet zu leiten.

Das türkische Fernsehen strahlte sogar in seinem Programm eines der Konzerte des SSO aus, und die Sendung war sowohl auf den Flughäfen des Landes, als auch über Satellit sogar weltweit zu sehen und zu hören.

Nach dem Ende dieser Vorführung erhielt Frédéric Tschumi von den Konzertbesuchern, die sich alle von Ihren Plätzen erhoben hatten, und den Orchestermitgliedern nicht enden wollenden Applaus. So dürfte wohl dem jungen, aus der Schweiz stammenden Dirigenten gerade das Hemminger Konzert im Herbst 2012 für lange Zeit in Erinnerung bleiben.

Von Rudolf Wesner,
Hemmingen Aktuell, Freitag, 30. November 2012